Todenhöfers angetäuschter Journalismus

Er hat es wieder getan: Jürgen Todenhöfer ist einmal mehr dort hin gegangen, wo es weh tut. Diesmal nach Mossul, ins Herz des so genannten „Islamischen Staats“. Mitgebracht hat er ein Interview mit dem deutschen „Gotteskrieger“ Christian Emde. Das ist erst einmal ein journalistischer Erfolg. Beim Ansehen hat man dennoch ein ungutes Gefühl. Warum ist das so?

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Todenhöfer war schon: Unionspolitiker und Medienmanager im Hause Burda. Er war schon in Afghanistan, hat im Irak schon Kämpfer befragt und das Schicksal von Kindern beschrieben, die Opfer der Kriege wurden. Todenhöfer ist mit pazifistischer Leidenschaft in den Konfliktgebieten unterwegs, dabei dem französischen Philosophen und Publizisten Bernard Henri-Lévy nicht unähnlich. Nach dem Tod von Peter Scholl-Latour kann Todenhöfer sich gewisse Chancen ausrechnen, dessen Nachfolge anzutreten als Erklärer der arabischen Welt .

Das RTL-Nachtjournal hat nun - in einem langen und einordnenden Film von Christof Lang - das Material gezeigt, das Todenhöfer aus Mossul mitgebracht hat. Wir lernen den Deutschen Christian Emde kennen, der sich nun Abu Qatadah nennt und vor der Kamera sagt: „Wir werden auch weiterhin Menschen köpfen.“ 150 Millionen, 250 Millionen, 500 Millionen – „uns ist die Zahl egal. Das ist das Urteil des Islam“.

So weit, so schrecklich. Wie Todenhöfer in seiner ruhigen Art den „Gotteskrieger“ zum Sprechen bringt, das nötigt einem Respekt ab. Aber dann verschwimmen die Perspektiven und es entsteht das, was die Süddeutsche Zeitung „Infoporno“ genannt hat. Das Problem ist dabei nicht, das man so wenig erfährt über das Leben von Abu Qatadah in Mossul. Das Problem ist, wie Todenhöfer sich vor seine Geschichte stellt und so den Zuschauern die Sicht nimmt. „Der IS ist viel stärker als westliche Politiker glauben“, sagt der Publizist. Welche westlichen Politiker? Was glaubt Todenhöfer, was die glauben? Solch merkwürdige Mahnungen gibt Todenhöfer ab, aber er unternimmt nicht das, was Egon Erwin Kisch einmal so aufgeschrieben hat:

„Der Reporter hat keine Tendenz, hat nicht zu rechtfertigen und
hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und
unbefangen 
Zeugenschaft zu liefern.“

So Kisch im Vorwort zur 1. Ausgabe von Der rasende Reporter im Jahr 1925. Jürgen Todenhöfer im Jahr 2015 hat eine andere Mission. Es ist jedenfalls nicht die, Bericht zu erstatten, wie zum Beispiel die ZDF-Kollegen, die wenige Stunden zuvor in der Reihe „zoom“ ebenfalls Einblick in die Terroristenszene gaben. Bei Todenhöfer hingegen ist der Journalismus - nun ja - nur angetäuscht . So verkauft er sich und seine Bücher.  Doch wie gesagt: Beim Ansehen hat man ein ungutes Gefühl.