Talkshow-Rückblick: Sarrazin im Euro-Wahn

Eine Woche mit Thilo Sarrazin. Am Donnerstag stern, am Sonntag die ARD, am Montag Focus und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, am Dienstag BILD und eine Buchvorstellung im Luxushotel Adlon. Bei Günther Jauch im Ersten stritt der Populär-Autor und Ex-Bundesbankvorstand mit Ex-Finanzminister Steinbrück. Argumente, warum Europa am Euro zugrunde geht oder weshalb man sein Buch lesen sollte, lieferte er nicht.

Nach dieser sonntäglichen Fernseh-Talkshow muss man sich wieder einmal die Frage stellen, wie sich unsere politische und wirtschaftliche Elite rekrutiert. Ja, man könnte an ihr verzweifeln und endgültig jedes Vertrauen in sie verlieren. Allerdings in ganz anderem Sinne, als es Thilo Sarrazin gerne hätte: Wie konnte ein solcher Mann, der weder auf 460 Seiten noch in einer einhalbstündigen Talkshow einen neuen Gedanken auch nur halbwegs vernünftig zu formulieren versteht, jemals leitender Zuarbeiter eines Bundesfinanzministers, Treuhand-Vorstand, Berliner Finanzsenator und am Ende auch noch Bundesbankvorstand werden? Haben die alle kein Assessment-Center?

Der frühere SPD-Finanzminister Peer Steinbrück konnte einem als geladener Kontrahent wirklich leid tun. Wie will und kann man mit jemandem über sein neues, schon vorab wieder großmarketingmäßig gehyptes Buch „Europa braucht den Euro nicht“ diskutieren, der selbst auf die bemühten Nachfragen von Günther Jauch nicht in der Lage war, überhaupt zu verstehen, worum es in der Debatte um den Euro und Europa geht. Die Griechen müssen raus aus dem Euro, weil die „romanischen Völker“ von ihrem südeuropäischen Naturell her nicht fähig sind, mit Geld umzugehen, weil ihnen also quasi das Euro-Gen fehlt? Ihre Wirtschaft liegt danieder, weil im Süden die Sonne länger scheint und sie sich deshalb lieber am Strand auf die faule Haut legen?

Nur eine Satire? Dafür ist es nicht lustig genug

Das kann selbst jemand wie Sarrazin, der schon immer die Volksseele zu bedienen wusste, nicht ernst meinen. „Spaß darf doch sein“, wandte er hilflos ein, als sein SPD-„Parteifreund“ Steinbrück darob wieder einmal die Augen verdrehte. Ach so: das Buch ist nur eine Satire! Dafür ist es nicht lustig genug.

Man könnte über dieses neue Machwerk des „Man-wird-doch-noch-mal-sagen-dürfen“-Sarrazin nur lachen, wenn es nicht so ein wichtiges Thema wäre. Denn es geht nicht nur um den Erhalt und die Stabilität des Euro und damit um das wirtschaftliche und soziale Schicksal ganzer Nationen, nicht nur der Griechen. Es geht um die Zukunft Europas, da hat Angela Merkel ausnahmsweise vollkommen recht.

Und dieses Europa ist eben nicht (mehr) nur eine Freihandelszone, zum Nutzen der deutschen Wirtschaft und der deutschen Steuerzahler, die jetzt für die faulen Griechen aufkommen sollen, wie Sarrazin glauben machen will. Nein, dieses Europa steht, worauf Kanzlerkandidatkandidat Steinbrück unter dem Beifall des Publikums mit berechtigtem Pathos hinwies, für „unabhängige Gerichte, Sozialstaat, Trennung von Staat und Kirche, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Aufklärung“, also für ein Werte- und Demokratiemodell, das es in einer veränderten Welt zu behaupten gilt.

Der Euro verbindet Völker, die sich vor zwei Generationen noch bekriegt haben und die sich bis zum großen europäischen Umbruch von 1989 in verfeindeten Blöcken gegenüberstanden. Und Deutschland profitiert von dieser Gemeinschaftswährung, die trotz hoher Staatsverschuldung auch bei uns und trotz jahrelanger Euro-Krise stabiler ist als es die D-Mark jemals war, mehr als alle anderen Länder der EU. Aber davon will Sarrazin nichts wissen. Es passt ja auch nicht in sein anti-aufklärerisches Weltbild.

„Der Zug ist durch den Bahnhof“

Griechenland hätte den Euro niemals bekommen dürfen? Geschenkt. Aber „der Zug ist durch den Bahnhof“ (Steinbrück). Also muss Europa Griechenland jetzt beistehen – so oder so. Dem Euro fehlt eine politische Union als Fundament? Ebenfalls geschenkt. Auch das wissen alle. Dafür braucht es dieses Buch nicht. Viel wichtiger wäre es, darüber zu streiten, wie man eine solche gemeinsame Wirtschafts- und  Finanzpolitik einschließlich unerlässlicher Transferunion und vielleicht auch Eurobonds schaffen kann. In Sarrazins Wälzer fehlt auch dazu jeder Gedanke.

Nein, sein neues Buch muss man nicht lesen, wie auch sein vorheriges und alle künftigen nicht. Zu befürchten ist allerdings, dass sich viele davon nicht abhalten lassen werden. Allen entlarvenden Interviews und Talkshow-Auftritten zum Trotz. 

Der Autor Ludwig Greven ist Politik-Redakteur bei ZEIT ONLINE.