"DER SPIEGEL" fehlt

Darf man das als Journalist zugeben? Ich habe seit Monaten keinen „SPIEGEL“ mehr gekauft. Manchmal nehme ich das in einer Redaktion ausliegende Heft in die Hand, blättere es durch, auf der Suche nach lesenswerten Geschichten, die es früher Woche für Woche gab. Nun ja. Wird jetzt, nachdem die Redaktion ihren Chefredakteur vom Hof gejagt hat und der Geschäftsführer demnächst auch geht, alles besser?

Cordt Schnibben, einer der Edelfedern des „SPIEGEL“ und zuletzt so etwas wie ein Digital-Beauftragter, hat nach der Entlassung von Chefredakteur Wolfgang Büchner in einem in jeder Hinsicht bemerkenswert offenen Beitrag auf Facebook beschrieben, was ihn und wohl auch andere Kolleginnen und Kollegen des Magazins am ungeliebten Chef störte: Alles! Kein Plan, keine Strategie, keine Nase für Geschichten. Büchner sei eher ein Manager als ein Journalist. Der hier zum Nachlesen verlinkte Beitrag „In eigener Sache“ hat eine vehemente Diskussion ausgelöst. Ein Fall rüden Nachtretens?

Das Portal „Meedia.de“ dokumentiert die Debatte, die auch zeigt, wie gerne sich Journalisten mit der eigenen Zunft beschäftigen. Einen Großteil der Leser dürfte das kalt lassen. Sie werden gelegentlich das Heft in die Hand, es durchblättern, auf der Suche nach lesenswerten Geschichten. Was den mehr als 300 Machern des „SPIEGEL“ aber zu denken geben sollte: Der Rechercheverbund von Süddeutscher Zeitung, Westdeutschem Rundfunk und Norddeutschem Rundfunk hat dem einstigen „Sturmgeschütz der Demokratie“ (Rudolf Augstein) in jüngerer Zeit bei investigativen Berichten den Rang abgelaufen.

Wenn „DER SPIEGEL“ demnächst am Samstag erscheint, dann konkurriert er außerdem mit zum Teil schnelleren und nicht selten besser geschriebenen und redigierten Wochenendausgaben der Zeitungen aus München, Frankfurt oder Berlin. Ich würde dennoch den „SPIEGEL“ gerne jederzeit wieder kaufen, wenn er zeigt, was er kann. Er fehlt.