Olympia-TV: Live ist nicht mehr live

„Happy and glorious“: London 2012, die Olympischen Sommerspiele sind vorbei. ARD und ZDF haben von den Übertragungen in hohem Maße profitiert. Ohne die Rekord-Einschaltquoten bei den Wettbewerben – wie schon bei der Fußball-Europameisterschaft zuvor – würden die öffentlich-rechtlichen TV-Sender 2012 in der Gunst jüngerer Zuschauer noch weiter zurückfallen. Die Bilder, die sie aus London zeigten, haben Gold verdient. Danke dafür! Bei den Kommentatoren und Moderatoren sollten bis Rio einige an ihrer Olympia-Norm arbeiten. 

Nehmen wir zum Beispiel Norbert König, den altgedienten ZDF-Sportskameraden. Er hatte das Glück, aus deutscher Sicht einen großen olympischen Moment kommentieren zu dürfen: das Halbfinale im Degenfechten zwischen Britta Heidemann und Shin A-Lam aus Südkorea. Die letzte Sekunde läuft nicht ab, und als die Entscheidung des Kampfgerichts auf sich warten lässt und die schließlich Unterlegene nicht von der Planche weicht, ist König mit seinem Kommentatoren-Latein am Ende. Nur eine wache Regie hat zu diesem Zeitpunkt verhindert, dass König noch rascher ins Olympia-Studio zurückgab. Es hätte ein großer Moment für den Journalisten am Mikrophon werden können. Er wurde es nicht.

Oder nehmen wir einen anderen Kollegen, Ralf Scholt von der ARD. Als sich Jenny Schwarzkopf gegen ihre Disqualifikation nach dem abschließenden 800-Meter-Lauf beim Siebenkampf wehrt, kann der Kommentator von seinem Platz aus nur die Bilder überprüfen, um den Zuschauern zu versichern: "Da war nichts." Scholt hat wenig Information aus dem Innenraum, nur die, dass die Sportlerin zunächst keine Interviews geben darf. Das war redaktionell zu wenig. Was das Schiedsgericht getrieben hatte, erfuhren die Fans im Internet viel schneller als am TV-Gerät.  Auch dass Schwarzkopf schließlich die Silbermedaille zuerkannt bekam, wusste zum Beispiel Spiegel Online deutlich vor der ARD. Oder hat die uns das absichtlich später gesagt?

Das Internet war schneller

Man darf nicht ungerecht sein: In solchen Momenten müssen Kommentatoren hellwach und Redaktionen blitzschnell sein. Sind sie das nicht, ist der Sieg verspielt. Erinnert sei an den 1. April 1998 und diesen Dialog  vor dem Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund: "Für alle die, die nicht rechtzeitig eingeschaltet haben, sie haben etwas verpasst, denn das erste Tor ist schon gefallen", sagte RTL-Moderator Günther Jauch. Und Kommentator Marcel Reif fügte später hinzu: "Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan." Dafür gab es Spitzenquoten, den Grimme-Preis und 76 Minuten als Hörbuch.

Das war live, damals. Aus London wurde viel gezeigt, was nicht live war: Im Wunsch, die Sendungen spannend zu halten, wurden immer wieder Entscheidungen angekündigt, die doch längst gefallen waren. Das wirkt schon bei der Bundesliga-Sportschau albern, in Zeiten von Twitter und Co. Macht man sich mit solchen Redaktionsentscheidungen lächerlich.

"Check London" und Superzeitlupen

Auf der anderen Seite: Die Übertragung der Spiele aus London waren ein Kraftakt, logistisch und vor allem technisch vom Feinsten. Vielleicht haben sich die Zuschauer bereits an die Superzeitlupen von Michael Phelps und Usain Bolt gewöhnt – bemerkenswert ist die Bildqualität immer noch. Dass man bei Marathon oder Radwettbewerben immer auch ein Stück London zu sehen bekam – wunderbar! Und dass man sich als Zuschauer, wenn man der Faszination des Synchron-Schwimmens erlegen ist, die Schwimmer gleichzeitig unter und über Wasser ansehen kann, ist kameratechnisch schon eine eine tolle Sache. Der „Matrix“-Effekt beim Turnen, wenn man die Sportler im 3-D-Effekt in der Luft auf unterschiedlichen Perspektiven ansehen konnte – Gold auch dafür!

Es haben sich dann auch noch tolle Sachen in den Studios von ARD und ZDF ereignet. Wenn zum Beispiel Alexander Bommes (Bild) den Nachrichtenüberblick präsentierte, hätte man es sich als Zuschauer gelegentlich gewünscht, die Hauptmoderatoren hätten dem jungen NDR-Mann anschließend Platz gemacht. Eine Entdeckung. Angenehm auch, wie Rudi Cerne einmal mehr sachlich und gleichzeitig engagiert stundenlang durch das ZDF-Programm führte. Und wie Michael Steinbrecher am letzten Olympia-Samstag den um Antworten doch verlegenen DOSB-Generaldirektor Michael Vesper zur den Medaillenvorgaben einvernahm, war sehenswert. Ebenso sehenswert: Tom Theunissens "Check London"-Glossen. 

Medaillenchancen am Ende eher für das Zweite. Warum? Das hat nichts mit Delling und Co. zu tun. Aber suchen Sie zum Beispiel einmal ein Video in der gut funktionierenden ZDF-Mediathek oder im Internet-Auftritt der ARD. Die Olympia-Norm hat das Erste hier verfehlt. Die ARD wird trotzdem nach Rio mitfahren, beim nächsten Mal.