Kritik, die sich zu wichtig nimmt

Verrisse und Schmähkritiken der jüngsten Zeit: Markus Lanz bekam es auf's Maul. Stefan Raab als Politik-Talker – ein Dünnbrettbohrer. Thomas Gottschalk kann es schon lange niemandem mehr recht machen. Fernsehstars in der Kritik: Seltsam, dass so viele über sie schreiben. Wo ihre Leistungen doch so unsäglich sind, wie es heißt. Da stimmt doch etwas nicht.

Jahresrückblicke im Fernsehen – das ZDF hat an diesem Wochenende den Anfang gemacht. Dem Moderator konnte man wünschen, dass er sich viele Artikel, die zuletzt über ihn geschrieben wurden, gar nicht erst angesehen hat. Möglicherweise hätte er sonst kein TV-Studio mehr betreten und oder bei Kamera-Rotlicht das Weite gesucht.

Doch Markus Lanz ist offenbar ein anderes Kaliber. Es sind nämlich nicht nur die Stars und ihre großen TV-Sendungen, die ein Problem haben. Es sind auch die Autoren, die über sie schreiben. Bei einigen Fernsehkritikern hat man den Eindruck, dass sie mit Waffengewalt vor das TV-Gerät gezwungen werden. Selbst im Fall namhafter Schreiber. 

Sicher, die Ergebnisse sind manchmal amüsant zu lesen. Doch etliche TV-Producer nehmen die Arbeit der Kritiker nicht mehr ernst. Denn hier wird oft vernichtend geurteilt, nur um des vernichtenden Urteils willen.

Stefan Niggemeier zum Beispiel schrieb jüngst über eine Aufzeichnung der Sendung "Das Supertalent" einen Text aus der Zuschauerperspektive, nach dessen Lektüre man den Eindruck haben musste: Dieser Autor war noch nie bei einer Fernsehproduktion. Das kann aber doch gar nicht sein, denn Niggemeier gehört zu den namhaften und kenntnisreichen Medienjournalisten des Landes.

"Fast jeder Kritiker hält sich in der Viertelstunde, wo er seine Kritik aufpinselt, für einen kleinen Herrgott."

Also, was ist da los? Vielleicht hilft es an dieser Stelle, wieder einmal auf einen Großmeister der Kritik zurückzugreifen, auf Kurt Tucholsky. Mit dem Fernsehen hatte er noch nichts am Hut, wohl aber mit der Literatur. Über die eigene Zunft schrieb er als "Peter Panter" im Jahr 1931 in der Weltbühne:

"Es ist bei den meisten eine Art Geltungstrieb, der sich da bemerkbar macht. Fast jeder Kritiker hält sich in der Viertelstunde, wo er seine Kritik aufpinselt, für einen kleinen Herrgott. Ein besonders übles Exemplar dieser Gattung hat einmal gesagt: »Ich wollte ja die Buchkritik längst aufgeben. Aber –« er sprach Dialekt, »aber man gibt doch nicht gern 's Peitscherl aus der Hand!« Es ist der Machttrieb. Ich habe ihn nie begriffen."

Soweit Panter. Und ich begreife es auch nicht. Warum will die Kritik nicht ernst genommen werden, von Zuschauern, von Redakteuren, von Kreativen? Warum gibt sie sich keine Mühe, nicht nut treffend, sondern auch konstruktiv zu sein? Sie kann natürlich weiter versuchen, zum Beispiel, einen kommenden Star wie Markus Lanz in Grund und Boden zu schreiben. Mit Verlaub: Das hat auch schon bei Johannes B. Kerner nicht funktioniert.

Die Kritik kann sich aber auch der Anstrengung unterziehen, neben Schwächen auch Stärken zu erkennen und dem Leser klar zu machen: Das hat gefehlt. So wäre es noch besser gegangen. Damit würde man nicht nur den Moderatoren gerecht. Sondern auch den Sendungen, für die oft hunderte Menschen engagiert hinter den Kulissen arbeiten. Und einem Medium, das sich - bei allen kreativen Problemen – immer noch einer beachtlichen Beliebtheit erfreut.

Was natürlich nicht heißt, dass man Schlechtes nicht als schlecht bezeichnen soll.