Krieg der Medien

Es soll ja keine dummen Fragen geben, also nehmen wir heute einmal diese hier: Gibt es eigentlich gute und böse Journalisten? Also solche, die unserer Demokratie und den Menschen dienen (die guten)? Und, auf der anderen Seite, Journalisten, die böse Geschichten unters Volk bringen, die die Menschen unfrei machen oder für dumm verkaufen?

Schnelle Antwort: Na klar gibt es die. Wer Beispiele sucht, der sei etwa an den Mit-Entdecker der Hitler-Tagebücher Gerd Heidemann erinnert. Oder an die BILD-Zeitungszeile aus dem Jahr 2001 unter einem Foto des damaligen Bundesumweltministers, umgeben von Demonstranten mit Bolzenschneidern und Schlagstöcken: „Was macht Trittin auf dieser Gewalt-Demo?“ Das Foto war manipuliert. 
Lügen hier, Wahrheit dort. Selbst den größten Verächtern journalistischer Arbeit dürfte klar sein, was wir an unseren Zeitungen, den Radio- und TV-Sendungen haben. Pressefreiheit - keine Selbstverständlichkeit! In vielen anderen Ländern sind Kollegen bereit, dafür mit dem Leben zu bezahlen.

Wer, wie der SWR-Intendant Peter Boudgoust, einen neuen Jugendkanal (für vielleicht fünf, vielleicht 50 Millionen Euro) anstrebt, hat die Zeichen der Zeit zumindest ignoriert.

Auch wenn es hierzulande kaum um Leben und Tod geht, so müssen inzwischen viele Journalisten um ihre Existenz kämpfen. Wenn sie für dapd, die Financial Times Deutschland oder die Frankfurter Rundschau gearbeitet haben, dann dürften viele der Kollegen noch nicht wissen, wie sie dieses junge Jahr 2013 wirtschaftlich überstehen sollen. Sie sind in einer wesentlich unkomfortableren Lage als ihre Kollegen, die in oder für öffentlich-rechtliche Häuser arbeiten.

Dort denken, angesichts der stabilen Einnahmensituation per neuer Rundfunkgebühr, manche Medienmanager sogar an Expansion, nicht an Einsparungen: Wer, wie der SWR-Intendant Peter Boudgoust, einen neuen Jugendkanal (für vielleicht fünf, vielleicht 50 Millionen Euro) anstrebt, hat die Zeichen der Zeit zumindest ignoriert. Es ist gut, dass das ZDF angesichts dieser waghalsigen Idee erst einmal Zurückhaltung signalisiert. Boudgoust vergisst: Das ist das Geld der Gebührenzahler.

WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn findet: "Der Rundfunkbeitrag passt gut in dieses Land. Er ist genau genommen eine 'Demokratie-Abgabe'. Ein Beitrag für die Funktionsfähigkeit unseres Staatswesens und unserer Gesellschaft."

http://www.ard.de/intern/rundfunkbeitrag-kommentar-schoenenborn/-/id=188...

Wenn ich Schönenborn richtig verstehe, so meint er: Wir brauchen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das stimmt. Aber: Brauchen wir auch diesen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in dieser Größe und föderalen Vielfalt? Mit ARD und ZDF in doppelter Ausführung? Einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen Sparbemühungen wenig sichtbar werden, während in Verlagen und bei privaten Rundfunkveranstaltern das Geld für Journalismus an allen Ecken knapp ist? Reporter, Autoren und Redakteure erleben hier einen Wettbewerb, den festangestellte ARD-Mitarbeiter nur vom Hörensagen kennen.

Der Axel-Springer-Verlag in vorderster Linie, aber auch andere große Zeitungshäuser wie die FRANKFURTER ALLGEMEINE und die Süddeutsche Zeitung, haben sich daher auf die Rundfunkgebühr eingeschossen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wider-die-neue-gebuehr-rundfunk-fu...

Wir erleben einen regelrechten Krieg der Medien. Doch auch bei dieser kriegerischen Auseinandersetzung dürfte es am Ende keine Gewinner geben. Und mit der Wahrheit ist das im Krieg ohnehin so eine Sache.

Ob es für einen freien Journalisten klug ist, angesichts des Wettbewerbs um Aufträge und Honorare das hier aufzuschreiben? Auf jeden Fall. Denn wenn wir, die Journalisten, uns jetzt nicht lautstark zu Wort melden, dann haben wir den Beruf verfehlt.

Also, was kann helfen? Die gerade abgelöste ARD-Vorsitzende Monika Piel hat sich mit wenig Fortune um einen Dialog mit den Verlegern im Streit um Tagesschau-App und Digital-Expansion bemüht. Nun hat ihr NDR-Kollege Lutz Marmor den Problemfall  "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland" übernommen und wurde zum Beispiel von der SZ mit einem gewissen Rückenwind zur Begrüßung bedacht. Mal sehen.

Die Piratenpartei hat in dieser Woche des Krieges der Medien von den Sendern mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung verlangt.

http://www.piratenpartei.de/2013/01/03/das-offentlich-rechtliche-fernseh...

Doch was fordern eigentlich die Medienpolitiker in den Staatskanzleien zu Leipzig und Düsseldorf (die nur zu gut wissen, wie wichtig der Einfluss auf die Sender für die Machtsicherung ist)? Da hört man eher wenig, außer dass NRW-Staatsminister Marc Jan Eumann jüngst ein Buch über "Journalismus am Abgrund" geschrieben hat. http://www.eumann.de/

Wir Journalisten jedenfalls sollten uns nicht in diesen Krieg verwickeln oder instrumentalisieren lassen. Sondern? Hier eine Idee: Erfahrene Journalisten und Publizisten müssen in diesen Streit eingreifen. Klaus Bölling vielleicht, Fritz Pleitgen, Jobst Plog, Ernst Elitz, Angelika Jahr, aber auch Querköpfe wie Konstantin Neven DuMont (ja, der!), Nikolaus Brender oder Thomas Steg sind gefragt. Sie könnten eine Enquete-Kommission bilden, die der ratlosen Medienpolitik auf die Sprünge hilft. Und diesem blöden Krieg der Medien Einhalt gebieten.