Journalismus als Sahnehäubchen?

„Nichts mehr ist fest, alles im Fluss“ schreibt Gabriele Fischer im Editorial der neuen Ausgabe von brand eins. Wieder einmal – so viel Lobhudelei muss jetzt einmal sein – ein feines Heft, diesmal über das Thema Digitale Wirtschaft. Der Urheberrechtsstreit und die Frage, wie wir Journalisten in den modernen Zeiten überleben werden, bewegt die gesamte Branche. „Wenn Journalismus bleibt, wie er ist, bleibt er nicht“, bemerkte Miriam Meckel jüngst. Mögen Printpäpste auch das Überleben der guten (wenn schon nicht der alten) Zeitung beschwören - wo stehen die Dinosaurier der Print-Branche tatsächlich?

Auf diese Frage hat die brand eins-Chefin eine Antwort parat.  „Auch wenn die Großverlage immer neue Erfolgsmeldungen ihrer Digitalsparten vermelden: Mit Journalismus haben deren Aktivitäten nur am Rande zu tun. Fast scheint es, als lastete alle Hoffnung auf angelsächsischen Flagschiffen wie »New York Times«, »Economist« oder »Financial Times«.“

Im Heft selbst bietet Autor Matthias Hannemann eine umfassende Analyse der Vermarktungs-strategie der Verlagshäuser: „Gegen Google aber, das die Hälfte des Onlinewerbebudgets verfrühstückt, gegen die niedrigen Werbepreise, die man der großen Konkurrenz verdankt, gegen Hightech-Konzerne, die selbst zu Medienunternehmen werden und gegen Leser, die das Kostenlose im Zweifel woanders finden, hilft das wenig“.

Erfolg in der Nische

In der Situation wird „Journalismus als Sahnehäubchen“ missverstanden – dabei ist gerade brand eins ein gutes Beispiel dafür, wie man in der Nische Erfolg haben kann. Und wenn sich die Verlage abseits ihrer - manches Mal mit erschreckend kleinem Personalaufwand zusammengeklöppelten - Online-Ausgaben umsehen, dann finden sie auch die Kreativität wieder, die es braucht, um in der digitalen Zukunft zu bestehen. Nicht umsonst blüht eine Szene von Blogs und Sites, deren Qualität und Schnelligkeit etwa Dickschiffen wie www.stern.de um Lichtjahre voraus sind. Nicht umsonst haben Seiten wie www.tape.tv oder www.freundevonfreunden.com von Berlin aus auch wirtschaftlichen Erfolg. Und nicht umsonst sind auf den hier rechts  (→) erwähnten Blogs Texte zu finden, über die sich mache Printpäpste aber so etwas von freuen könnten.

Apropos Papst (nein, nicht der auf dem Titanic-Cover, sondern der hier auf dem Foto): Kurt Kister, der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, tut gut daran, auf das Überleben der guten (wenn schon nicht der alten) Zeitung zu setzen. Aber bei allem Respekt: Sieht die Süddeutsche Zeitung jetzt nicht so aus wie der Tagesspiegel? Ist das neue Design irgendwo moderner als der Auftritt der FAZ? Das ist vielleicht Geschackssache oder auch egal. Unsere Kinder werden – so steht zu befürchten – alle drei Blätter nur noch selten und in geringerer Zahl in die Hand nehmen. Ein Jammer. Vielleicht finden wir Kister-Kollegen die Nachwuchsleser dann noch bei www.jetzt.de. Schon jetzt kann man von Bewerbern in Journalistenschulen (!) auf die Frage, welche Tageszeitung sie denn so in Papierform lesen, mitunter die Antwort hören: „DIE ZEIT.“ Aha. Eine Zeitung, immerhin.

Also: Was immer Sie lesen wollen, lesen Sie auf jeden Fall das bemerkenswert Juli-Heft von brand eins! Es kostet allerdings. (7,60 Euro in der Printausgabe). Ist sein Geld aber ebenso wert wie jede Seite 3 der Süddeutschen Zeitung. Die man im Netz vergeblich sucht.

Mit herzlichen Grüßen: der treue Abonnent.