Ins Nest gelegt - Coaching vor TV-Kameras

Immer mehr Coaching im Fernsehen: Wir sehen auf allen Kanälen Menschen, die sich verändern wollen. Und das in aller Öffentlichkeit. Jüngstes Beispiel bei RTL: DIE ZUSCHAUER wechseln die Perspektive und gehen ebenfalls vor die Kamera. Nach den Profis für menschliche Anliegen wie Sabine Asgodom oder Katia Saalfrank ist es nun eine Gruppe von 50 Zuschauern, die den Ratsuchenden auf dem Lösungsweg begleitet. Kann das gut gehen?

Die Idee

Der Ratsuchende wird über fünf Tage von Menschen unterschiedlicher räumlicher, ethnischer und sozialer Herkunft, von Menschen aus verschiedenen Generationen in seinem Alltag begleitet. Ein Konzept, das sich von bisherigen Coachingsendungen deutlich unterscheidet. RTL legt uns Zuschauern mit DIE ZUSCHAUER – Ich schaffe es nicht allein ein wahrlich buntes Ei ins Nest.

Denn: DIE ZUSCHAUER mutet wie ein Gesellschaftsspiel an. Viele dürfen mitspielen, ihre Erfahrungen und Meinungen einbringen. Zur Verfügung steht die Weisheit von 2096 Lebensjahren. Entgegen der Brettspielvariante gibt es jedoch keine Kärtchen mit Fragen oder Lösungsansätzen, sondern vielmehr direkte Weg-Begleiter mit vielen, vielen Fragen. Dem Gehenden legt sich ja bekanntlich der Weg unter die Füße. Und am Ende steht der per Mehrheit getroffene Rat oder das Urteil. Nach drei Wochen wird dann überprüft, was davon umgesetzt wurde.

Die Form

Das Format ist eine sogenannte Coaching-Doku. Eine schöne Wortschöpfung, die deutlich macht - Coaching ist ein Prozess. Prima, sagt der Coach in mir. Und in netto etwa gut 50 Minuten werden wir Bildschirm-Zuschauer also den Lösungsweg aus der Meta-Perspektive verfolgen. Da bleiben Diskussionen und Ideen im heimischen Umfeld sicher nicht aus. Wir treten in Diskurs. Wirklich?

Die erste Folge: Das Dilemma - Stahlarbeiter oder Schlagersänger?

In einem kurzen Einspieler wird Markus mit seinem Anliegen vorgestellt. Über 20 Jahre ist er Stahlarbeiter und seit fünf Jahren Schlagersänger, Entertainer. Er liebt es, im Rampenlicht zu stehen. Die Auftritte werden mehr. Beide Berufe lassen sich zunehmend schwerer miteinander vereinbaren. Und eigentlich … Doch in Markus brennen zwei Herzen, das des Stahlarbeiters und das des Sängers. Er kann sich nicht entscheiden und wendet sich an DIE ZUSCHAUER. Sie sollen sich ein Bild von Markus, seinen Lebens- und Arbeitsumständen machen. Sie suchen ihn im Sonnenstudio, am Arbeitsplatz, in Partykeller, in der Wohnung, Lagerhalle, im Karnevalsverein und - letztendlich bei Muttern auf. Denn: „Wir brauchen den Rat der Mutter“, so ein Begleiter. Und immer wieder Fragen, Fragen, Fragen.

„Doll ist es nicht, aber was werden kann es noch“

Die Entscheidung der Gruppe fällt nach mehrmaliger, leidenschaftlicher und kontroverser Diskussion. Nach zweimaliger Abstimmung ist die Mehrheit für: „Wir raten Dir, Deinen Job zu kündigen, dass Du Musiker wirst und Deinen Traum zu leben.“ Dazu gibt es noch drei weitere Ratschläge:

  • arbeite hart an Dir,
  • nutze Deine Kontakte,
  • spann auch mal aus, mach Urlaub mit der Freundin.

Markus ist gerührt. Und: Er setzt es um.

Nach drei Wochen besuchen ihn die fünfzig Ratgeber und siehe da: Markus nimmt Gesangsunterricht, hat ein Gewerbe angemeldet und spricht mit seinem Arbeitgeber über potentielle Ausstiegsoptionen.

Fazit des Coaches

Etwas ist klarzustellen: Um Coaching handelt es sich hier nicht. Wir sprechen von einem Open Space, der Beratungscharakter hat. Denn: Ein Coach fällt kein Urteil, geschweige denn gibt er Handlungsanweisungen. „Der Klient wirft, der Coach fängt auf, wirft zurück, fängt wieder auf…“ (Sabine Asgodom in www.coaching-heute.de, 3/2013)

Der Klient trägt die Lösung bereits in sich. Sie wird durch Fragen geborgen. Und: Der Klient findet seine Lösung selber, vor allem trifft er seine Entscheidung.

Und dies scheint mir auch hier der Fall. Die Weg-Begleiter stehen sicherlich auch für das "innere Team" Markus, doch vor allem für die vielen Meinungen der Anderen. Wir können uns in den Pro und Contras wiederfinden, stellen vielleicht sogar fest, was uns selber wichtig ist (Werte) und wohin es gehen soll (Ziele). Schön kommen da die O-Töne der einzelnen Gruppenmitglieder unter Angabe des Namens, der Profession und des Alters. Vor weißem Hintergrund wirkt die Lebensweisheit.

Barbara Sher, amerikanische Karriereberaterin, Erfinderin des „Erfolgsteams“ und LifeCoach, hat dafür einen einfache und geniale Vorgehensweise: Reden Sie über Ihr Vorhaben und fragen Sie so viele Menschen wie möglich, was die davon halten. Sie werden eine Fülle an Impulsen erhalten und stärken ihre eigene Vorgehensweise, finden möglicherweise Alternativen, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Und: Je öfter sie über ihr Vorhaben berichten, desto plastischer, realistischer und greifbarer wird es für sie selbst.

DIE ZUSCHAUER ist Lebenserfahrung pur. Fachkenntnis steht nicht im Vordergrund. Doch es gibt nie nur eine Lösung, nie nur "entweder - oder". Ich persönlich liebe die Herangehensweise: "Nur mal angenommen …". So hätte auch Markus verschiedene Möglichkeiten und Lösungs-ansätze entwickeln können, wäre er nicht innerlich bereits entschieden gewesen. Einen Entscheidungsprozess, eine wirkliche Veränderung habe ich bei ihm nicht feststellen können. Er war schon entschieden. Die Ratschläge bzw. Schritte hin zum Sängerleben hätte Sabine Asgodom in sieben Minuten mit ihm gemeinsam erarbeitet.

Als Coaching-Doku überzeugt mich DIE ZUSCHAUER nicht. Sie ist keine. Trotz netter, gut gedrehter Filme wirkt die Sendung wie so viele Formate dieser Coleur: aus einem Guss gemacht, zu glatt. Das Thema oder - besser - das Anliegen gibt etwas her, der Klient sympathisch und vor allem sind die einzelnen Coaches gut gecastet. Wir finden den Realisten, Bedenkenträger, Umsetzer oder Träumer. Einen Spannungsbogen aber finden wir nicht. Aber im realen Coaching gibt es den Spannungsbogen. Und der reicht weiter als bis zur ersten Werbeinsel.

Was bleibt? Seine Mitmenschen glauben an Markus und trauen ihm das Sängerleben zu. Nur tun muss er es selber. Und das ist schon Erkenntnis genug.

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Die Autorin Gerda Ehrlenbruch ist Trainerin, Coach und Dozentin. Mehr über die Partnerin des Netzwerks LANGER + LEUTE unter www.gerdaehrlenbruch.de.