Herr Müller, Herr Süper, Herr Schlote und wir

Vor zwei Jahren habe ich so etwas wie eine Liebeserklärung an unser Viertel geschrieben, für das lesenswerte Blog von Isabel Bogdan. Das Stück hat eine neue Aktualität gewonnen - "Breaking news" sozusagen - weil jener Herr Schlote jetzt immer vor dem Bistro in unserem Haus sitzt. Oder in dem Bistro, weil es nun ein wenig frisch wird davor. Also hier nochmal alles über Herrn Müller, Herrn Süper, Herrn Schlote und uns. Also fast alles.

Ob er immer so schnell ging? Oder ob er es nur zum Schluss eilig hatte? Das haben wir nie herausbekommen. Herr Müller, so um die 70, war sehr dünn und trug meist Hut und einen schwarzen Mantel. Wie ein Olympiageher lief er die Straße entlang, um für Renate Einkäufe zu machen oder etwas zu erledigen. Renate, das war die Blumenfrau in unserem Viertel, die Herrn Müller zumeist sehr strikte Anweisungen gab oder sich über ihn aufregte.

Später, als der Herr Müller recht krank und der Blumenladen von Renate schon geschlossen war, hat sie sich noch um den dünnen Mann gekümmert. Sonst hatte er ja niemanden mehr, meinte sie. Der Herr Müller, der hieß übrigens wirklich so.

Mit "a". So wie Lack, Pack oder Hack.

Köln-Klettenberg, das liegt links von der Luxemburger Straße, wenn man stadtauswärts fährt, am Uni-Center vorbei. Da waren Herr Müller und die Renate zuhause. Heute trifft man sie hier nicht mehr, dafür kann man bei Carmelo, dem nicht so groß gewachsenen Italiener eine Pizza zum Mitnehmen bestellen oder in seiner neuen „Snack-Bar“ einen Espresso oder einen Prosecco trinken. „Snack-Bar“ ist dabei nicht mit „äh“ auszusprechen, sondern mit „a“. So wie Lack, Pack oder Hack. Jedenfalls der Aussprache von Carmelo nach.

Rechts von der Luxemburger Straße liegt Sülz, die Taxifahrer wissen da korrekt zu unter-scheiden. In Sülz kann man – wenn man Glück hat und die Sonne scheint – Hans Süper bei einem Kaffee vor der Bäckerei-Filiale sitzen sehen. Wer freundlich ist, den grüßt der Herr Süper auch zurück. Der Mann ist in Köln weltbekannt. Er war die bessere Hälfte des Colonia-Duetts an der Seite von „Zimmermään“ („Du Ei“) und im Karneval mit seiner „Flitsch“ (Mandoline) ein Brüller. Heute ist Süper 76 und trinkt seinen Kaffee.

"Mein Opa ist Buntstiftmaler"

Wer sich noch etwas weiter nach Sülz verläuft, der kann – wenn er Glück hat und die Sonne scheint – auch Wilhelm Schlote treffen. Der ist für seine Zeichnungen und Illustrationen berühmt, nicht nur in Köln. Wenn man hier Manneken zu Schlotes Figuren sagt, ist das nicht abwertend gemeint. Schlote ist eher nicht vor der Bäckerei-Filiale anzutreffen, sondern manchmal beim Wein im „Balthasar“ am Auerbachplatz. Was vielleicht damit zu tun hat, dass er erst vor einem Jahr nach langer Zeit in Paris nach Sülz gekommen ist. In die Sülzburg-straße, um genau zu sein. Seine Galerie besitzt sogar einen eigenen Poststempel! Wer hat so etwas noch, wenn er nicht gerade VW oder die Deutsche Bank oder sonstwer ist.

„Mein Opa ist Buntstiftmaler und ich denke, in unserer Zeit ist Buntstiftmaler ein schöner und sehr wichtiger Beruf“, sagt Schlotes Enkelin Charlotte in dem Kinderbuch, das der Opa gemacht hat.

Der Buntstiftmaler ist Jahrgang ’46 und ähnlich wie Hans Süper hat er fast weiße Haare. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Menschen dieses Jahrgangs, die früher Sülz und Klettenberg ihre Gesichter gegeben haben, ansonsten hier langsam verschwinden. Ob sie einfach wegsterben oder wegziehen müssen, ist nicht so ganz klar. Jedenfalls sieht man sie seltener auf Kissen gestützt in den Fenstern auf die Straßen schauen. Dafür entstehen jetzt hier lauter so seltsame Dinge wie das Neubauprojekt „allegro Sülz“ auf dem Gelände des früheren Kinderheims: Luxuswohnungen, jede Menge auf engstem Raum. Der Stadtteil wird schick, er wird voll, und er wird teuer.

Seit 18 Jahren leben wir hier. Klettenberg und Sülz, das war nie so schick und überdreht wie Lindenthal oder Marienburg. Unsere Kinder sind hier aufgewachsen. Und es wäre eine schöne Idee, auch dann noch in Klettenberg zu leben, wenn mein Enkelkind sagen kann: „Mein Opa schreibt Geschichten und ich denke, in unserer Zeit ist Geschichtenschreiber ein schöner und wichtiger Beruf.“