Gratis? Gerne! Die Piraten und das Urheberrecht

Das Urheberrecht muss geändert und an die neuen Bedingungen des digitalen Zeitalters angepasst werden. Da besteht zwischen den Beteiligten inzwischen weitgehend Einigkeit. Doch wie das genau passieren soll, darüber gingen auf der Jahrestagung des Netzwerks Recherche am Wochenende in Hamburg die Ansichten ziemlich auseinander. Dafür sorgte auch der Urheberrechtsexperte der Piratenpartei.

Die Emotionen bei diesem Thema sind durchaus verständlich. Schließlich stehen sich unterschiedliche Interessen gegenüber: Bei den Urhebern - wie mir - geht es auch um die schiere materielle Existenz. Bei den Verwertern um hübsche Gewinne, im Falle der Megakonzerne Google, YouTube, Apple, Facebook in Milliardenhöhe. Bei Nutzern um den nachvollziehbaren Wunsch, möglichst freien Zugang zu Informationen, Nachrichten, Büchern, Musik, Videos etc. im Internet zu bekommen.

Soweit also eine ganz normale materielle Auseinandersetzung, an deren Ende ein fairer Interessenausgleich stehen sollte, der keiner Seite unzumutbaren Schaden zufügt. Mit etwas gutem Willen sollte sich das machen lassen. Denn genau dafür gibt es ja Gesetze: um eine für alle tragbare, praktikable Lösung zu kodifizieren, damit jeder künftig (wieder) weiß, was er zum Beispiel als Nutzer im Internet darf und was nicht. Und so ist in der Vergangenheit das Urheberrecht auch immer wieder weiterentwickelt worden. Etwa, als Tonbänder und Fotokopierer aufkamen, also erstmals die Möglichkeit, Musikstücke und Texte 1:1 zu reproduzieren.

"Nirgendwo steht geschrieben, dass Zeitungen, Bücher, Filme, TV-Serien, Musik und Onlinemedien kostenlos sein müssen"

Und auch für digitale Kopien muss eine Art von Abgabe her, wie früher bei Tonbandkassetten und heute bei CD-Rohlingen, wie bei Kopierern und Computern. Man kann das beispielsweise in Form einer “Kulturflatrate” regeln. Und die muss auch nicht höher sein als die Flatrates, die jeder Smartphone- und Internet-Benutzer heute schon ohne weiteres zu zahlen bereit ist. Ohne in diesem Fall auf “böse” Verwerter/Anbieter/Konzerne zu schimpfen.

Ein Menschenrecht auf Videos im Netz?

Wer aber wie Bruno Kramm als Urheberrechtsexperte der Piratenpartei auf der Jahrestagung des Netzwerks Recherche ernsthaft die Ansicht vertritt, es gäbe quasi ein “Menschenrecht” auf freien, kostenlosen Zugang zu allen irgendwo im Internet verfügbaren, nicht von den Urhebern und Verwertern autorisierten Digital-Kopien, zum Beispiel von US-Fernsehserien (die bei uns noch nicht ausgestrahlt wurden), der verabschiedet sich aus der notwendigen Debatte. Nein, ein solches “Recht” gibt es natürlich nicht. Es gibt das Menschenrecht auf Teilhabe an Bildung, Wissen und Information. Deshalb sollte es – anders als heute – überall auf der Welt ein kostenloses, gutes Bildungswesen geben, eine freie Presse und einen ungehinderten Zugang zum Internet.

Aber nirgendwo steht geschrieben, dass Zeitungen, Bücher, Filme, TV-Serien, Musik und Onlinemedien kostenlos sein müssen. Wer soll denn all diese geistigen und kulturellen Werke in Zukunft noch schaffen, welche die Konsumenten kopieren und konsumieren möchten, wenn er davon nicht leben kann? Sollen Journalisten und Autoren (wie ich) und Musiker (wie Bruno Kramm) künftig von einem “bedingungslosen Grundeinkommen” leben, also vermutlich 600 bis 800 Euro im Monat, das seine Seeräuber-Partei fordert? Ihm steht das ja frei, er kann seine Musik gerne verschenken. Aber ich und wohl die meisten, die hauptberuflich für ihre geistigen und kreativen Schöpfungen arbeiten, möchten das nicht! Und können das auch nicht.

Genauso wenig möchte und kann ich, wie von Hern Kramm ebenfalls empfohlen, meine Texte direkt bei den Lesern und Internetusern selber vermarkten. Gott sei Dank hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte die Arbeitsteilung entwickelt, als wesentlicher Antrieb und Voraussetzung für die Entfaltung der Produktiv- und Kreativkräfte. Die möchte ich nicht missen. Schlimm genug, dass ich an Automaten oder online schon selber meine Bankgeschäfte tätigen und meine Fahrkarten, Flugtickets und Hotelzimmer buchen soll/muss. Deshalb bin ich froh und dankbar, dass der Bäcker für mich (noch) die Brötchen backt und ich das nicht selber tun muss. Und deshalb bin ich ebenso dankbar und – im Wortsinn – erleichtert, dass Verlage, Literaturagenten, Buch- und Zeitungshändler und Onlinemedien meine Texte vermarkten und ich das nicht selber tun muss. Ich könnte das gar nicht. Dafür gibt es ja Fachleute.

Natürlich hätte auch ich gerne mehr vom Kuchen. Da muss man als Urheber eben versuchen, immer wieder gut und besser zu verhandeln und sich in den vorhandenen Mitbestimmungsorganen der Gema und der VG Wort für seine Interessen engagieren, gegen die Interessen der Verlage und Musiklabels. Wer – wie ich – von seinen Texten noch ganz gut leben kann, sieht dazu wenig Veranlassung. Wenn Herr Kramm und seine Mitpiraten sich durchsetzten, fürchte ich, wäre das höchstwahrscheinlich nicht mehr der Fall. Doch auch er wird schon noch verstehen lernen, dass es mit dem Urheberrecht doch ein bisschen komplizierter ist, als es sich seine Lobby-Organisation der Internetuser so vorstellt.

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Der Autor Ludwig Greven ist Politik-Redakteur bei ZEIT ONLINE. Hier finden Sie seinen Blog quersatz.

Außerdem zu diesem Thema: Juli Zeh und Ilija Trojanow in ihrem FAZ-Beitrag "Was die Auroren umtreibt"