Die Berater des Präsidenten

Bevor Bundespräsident Christian Wulff am vergangenen Mittwoch zu seinem Interview ins ARD-Hauptstadtstudio fuhr, hatte er Besuch im Schloss Bellevue. Peter Hintze, CDU-Politiker und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, suchte Wulff auf. Ein aufmerksamer Photograph der Nachrichtenagentur dapd hat die Szene eingefangen: Zwei Männer schütteln sich hinter einer Fensterscheibe des Schlosses die Hände. Hintze, früher Pfarrer von Beruf und Vertrauter von Bundeskanzlerin Angela Merkel, spricht dem angeschlagenen ersten Mann im Staate Mut zu.

Hintze wird am nächsten Morgen Wulff in Interviews für seinen TV-Auftritt loben und ihn vor Kritik in Schutz nehmen. Er ist einer der wenigen Christdemokraten, mit denen sich Wulff in den vergangenen Tagen der Krise austauschen konnte. Nachdem sich der Präsident unter Druck von seinem Pressesprecher Olaf Glaeseker getrennt hat, fehlt es dem überfragten Mann an der Spitze des Staates an effizienter Beratung.

An Wulffs Seite sind in der Krise eine Frau und zwei weitere Männer: Die Frau, Petra Diroll, kam als Pressesprecherin einen Tag nach dem überraschenden Rücktritt von Wulffs Vorgänger Horst Köhler ins Amt. Eigentlich hätte sie für Köhler sprechen sollen. Die frühere ARD-Journalistin wird von Berliner Kollegen als verlässlich und kompetent geschätzt, hat aber seit ihrem ersten Arbeitstag im Präsidialamt wenig Normalität erlebt. Als Vertraute des neuen Mannes galt sie nicht. Ihren Job hat sie heute, weil andere nicht mehr da sind. 

Im Gegensatz zu Lothar Hagebölling, dem Amtschef und langjährigen Wegbegleiter von Wulff. Still, effizient, loyal – ein politischer Beamter, aber nicht krisenerprobt. Er begleitete den Präsidenten zu seinem Fernsehinterview (Foto). Die Runde um Wulff wird vervollständigt von Gernot Lehr, Bonner Rechtsanwalt und einer der führenden Medienrechtler im Land. Dem früheren Bundespräsidenten Johannes Rau konnte er in dessen Flugaffäre mit kluger Kommunikation helfen. Wulff hilft er derzeit vor allem als Blitzableiter. Mit Interview-Äußerungen hält er aber eine Debatte über seinen Mandanten wach, die andere in der Union gerne einschlafen ließen. Berater sollten schweigen.  

Kommunikation hat sich gewandelt seit der Flugaffäre von Johannes Rau. Und der Kreis um Wulff hat Fehleinschätzungen begangen. Könnten der Rauswurf Glaesekers und die damit verbundenen Spekulationen möglicherweise von den Unwahrheiten und Unklarheiten des Präsidenten ablenken? Ein Irrtum. Eine Fehleinschätzung war es auch zu glauben, die Kommunikation Dirolls werde mit den Aktionen der Männer im Axel-Springer-Haus mithalten können. Die presserechtlichen Einschätzungen des Anwalts Lehr schließlich - und auch das war ein Irrtum – würden an dem Fall interessierte Beobachter zufriedenstellen können, wo diese doch nach dem TV-Interview Wulffs auf Belege und Originaldokumente warteten.

So ging der Präsident überstürzt in das Interview mit Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf. Erst am Vorabend war der Beschluss in der Dienstvilla in Dahlem gefallen. Wulff hätte mindestens einen weiteren Tag gebraucht, um sich und die Fakten zu ordnen.

Wie schon im Fall Guttenberg mangelt es hier einem Politiker - mindestens - an Überblick und Offenheit. Und es fehlt an kluger Beratung, an einem ruhigen und distanzierten Blick auf seine Situation und die Chancen, die er in der Krise hatte und vielleicht noch hat. Es fehlt an Beratung, die Kommunikationswege nicht nur über die BILD-Zeitung oder das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sondern auch über die sozialen Netzwerke einzuschätzen weiß, schnell und diskret handelnd. Im Präsidialamt ist man von dieser Welt weit entfernt. Auch das ist bestürzend am Fall des Christian Wulff.