Anders als die Tagesschau: die RTL2 News

Der Begriff objektive Berichterstattung gehört zum Kern des journalistischen Selbstbildes. Aber er ist eine Illusion. Denn hinter jeder medialen Bearbeitung von Realität stecken Auswahlprozesse und subjektive Kriterien. Das gilt auch für Nachrichten. Viele Kollegen wollen die Dualität zwischen privat und öffentlich-rechtlich nicht aufgeben:  hier die gebührenfinanzierten Gralshüter aus der Abteilung "seriöse Information" – dort die werbefinanzierten "quotenorientierten Rattenfänger" der Privaten.

Diese Polarisierung ist nicht nur falsch - sie verhindert auch wichtige Diskussionen über Rahmenbedingungen redaktioneller Arbeit und verschleiert die Notwendigkeit, die Privaten in ihren journalistischen Bemühungen medienpolitisch aktiv zu unterstützen.

Fakt ist: Auch Nachrichten müssen das Interesse der Zuschauer bei der Themenauswahl berücksichtigen. Ein gutes Beispiel ist die Eurokrise. Nach mehrwöchigem medialem Dauerfeuer gingen vor allem bei jungen Zuschauern die Rezeptionskanäle zu. "Ich kann es nicht mehr hören", gehörte zu den harmloseren Kommentaren auf der Facebook-Seite der RTL2 News. Und auch an den Quotenverläufen der Sendung ließ sich die Übersättigung ablesen.  Viele Macher aus dem "seriösen" Lager ignorieren solche Fluchtreaktionen und riskieren mit einer pädagogisch wertvollen Haltung ("wir werden nicht bunter") den Totalverlust des jungen Publikums. Ein Fehler!

Es geht darum, auch junge Menschen für TV-Nachrichten zu interessieren. Und hier nehmen die Privaten eine Schlüsselposition ein – denn sie sind es, die von der jüngeren Zielgruppe in der Regel eingeschaltet werden. Das Durchschnittsalter der Heute-Zuschauer lag im Januar 2012 bei 64,8 Jahren, bei der Tagesschau betrug es 59,5 Jahre. Der Durchschnittszuschauer der RTL2 News war 38,2 Jahre alt (AGF/GFK 2012). Diese Klientel erreicht man nur, wenn das Interesse der Zuschauer als Relevanzkriterium bei der Auswahl der Themen eine Rolle spielt. Auf eine kommunikative Einbahnstraße à la "Wir erklären euch jetzt mal die Welt" reagieren junge Menschen häufig mit dem Griff zur Fernbedienung.

Die RTL2 News gehen auf die Interessen jüngerer Zuschauer ein und reduzieren Komplexität – auch wenn es manchmal schmerzhaft ist. Insbesondere die Berichterstattung über Gewalt oder angedrohte Gewalt bewegt sich in der sensiblen Zone zwischen Aufklärungspflicht, Publikumsinteresse und notwendiger Differenzierung.

Eine Themenauswahl aber, die als Relevanzkriterium vorrangig "Häufigkeit" zugrunde legt, geht am journalistischen Arbeitsalltag vorbei. Wenn ein Kleinkind von der eigenen Mutter getötet wird, dann ist die Frage nach gesellschaftspolitischen Konsequenzen nicht nur sinnvoll, sondern geboten – auch wenn es sich, statistisch gesehen, um Einzelfälle handelt. Um redaktionelle Auswahlprozesse komplett zu erfassen, hilft ein Blick auf die journalistische Innensicht. Und die ist auch bei den Privatsendern nicht nur auf die Quote ausgerichtet. Allerdings gilt ebenso: Wer die Marktlogik ignoriert, macht seinen Job nicht richtig.

Die RTL2 News stehen in direktem Wettbewerb zur Tagesschau, haben aber völlig andere Produktions- und Rezeptionsvoraussetzungen. Die 20-Uhr-Ausgabe des ARD-Flaggschiffs wird ritualisiert eingeschaltet. Der Start ins Abendprogramm, ein bisschen Welterklärung vor dem Film. Die Kollegen profitieren von einem Einschaltimpuls, der stärker von Gewohnheit als von Informationshunger geprägt ist. Gehen wir davon aus, dass die Sendung mit dem wichtigsten Thema des Tages beginnt und nach rund 15 Berichten mit dem Wetterbericht endet. Die Kurve des Zuschauerinteresses müsste der Logik des Aufbaus folgen: Die meisten Zuschauer am Anfang – weil hier die größte Relevanz drin steckt. Mit abnehmender Wichtigkeit auch abnehmendes Zuschauerinteresse. Aber: Das genaue Gegenteil ist der Fall, die meisten Menschen gucken beim Wetterbericht zu – die Kurve steigt von 20 Uhr bis 20.15 Uhr stetig an.

Auf eine kommunikative Einbahnstraße à la "Wir erklären euch jetzt mal die Welt" reagieren junge Menschen häufig mit dem Griff zur Fernbedienung

Die RTL2 News verabreichen dagegen Politik, zugegeben, manchmal in homöopathischen Dosen. Als Loki Schmidt starb, gab es in der Redaktion eine Diskussion. "Wer kennt die eigentlich?" Schon schwierig. Meine eigene, damals achtzehnjährige Tochter wusste nicht, wer das ist. Das muss ich als Macher berücksichtigen. Wir haben uns letztlich dafür entschieden, mit genau diesem Thema in die Sendung einzusteigen – wie übrigens die Tagesschau am 21. Oktober 2010 auch. Aber wir wussten: Das ist ein Risiko. Als Journalist ist es eine Herausforderung, alles unter einen Hut zu bekommen. Inhaltliche Schwerpunkte der Redaktion, Nutzung des sogenannten Zuschauerflows und die richtigen Themen in den Umschaltzeitpunkten.

Jetzt fragen Sie sich natürlich: Wie? Die orientieren sich bei Nachrichten am Vorprogramm? Sollte nicht der reine Nachrichtenwert entscheidend sein? Eindeutig: Nein. Die Kollegen der Tagesschau und von RTL aktuell haben sich in langen Jahren ein Stammpublikum erarbeitet, das gezielt zur Sendung einschaltet. Die Kundschaft der RTL2 News ist noch nicht so treu. Deshalb müssen wir Zuschauer einsammeln und uns genau ansehen, wer vor dem Fernseher sitzt, bevor unsere News beginnen. Alles andere wäre – in diesem Sinne – unprofessionell.

Vor dem Fernseher sitzen im Moment die Zuschauer der Sendereihe Berlin – Tag & Nacht (Bild), einer gescripteten Dokusoap um eine Wohngemeinschaft in Berlin, bei der es um Liebe und Eifersucht, Partynächte und den Sinn des Lebens geht. Für Nachrichtenmacher sicher nicht die ideale Rampe, um in das Tagesgeschehen einzusteigen. Aber genau deshalb auch ein medienpolitisch interessantes Thema. Denn hier erreichen wir die Zielgruppe der Nachrichten-Verweigerer – oder besser: Hier erreichen wir Menschen, die mit der klassischen Nachrichtenvermittlung nicht viel anfangen können.

Lieber 20 Sekunden Merkel als gar keine Merkel

Die Relevanzfrage wird bei uns auch kundenorientiert diskutiert. Was könnte unsere Zielgruppe interessieren? Und was sollte sie interessieren? Das macht medienpädagogisch Sinn. Lieber 20 Sekunden Merkel als gar keine Merkel. Lieber 40 Sekunden Bundespräsident auf Türkeireise als überhaupt nichts. Die Jugend ist nicht per se unpolitisch. Sie hat nur die ewig gleichen Vermittlungsrituale satt.

Berichten wir über Jugendarbeitslosigkeit in Mecklenburg-Vorpommern, gehen die Zuschauer raus – berichten wir über Aktionen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in New York, steigt die Kurve. Das Thema wird über die Attraktivität von New York komplett anders wahrgenommen. Man mag das beklagen, aber es ist eine Tatsache. Wir müssen harte Themen attraktiv verpacken und trotzdem möglichst nahe an die Menschen herankommen.

Die RTL2 News werfen ein anderes Netz ins Meer der täglichen Meldungen als die Kollegen der Tagesschau. In diesem Netz bleiben andere Meldungen hängen. Das ist aus meiner Sicht medienpolitisch absolut sinnvoll. Die Tagesschau bedient ein Informationsinteresse - die RTL2 News ein anderes. RTL2 erreicht mit seinen News junge Menschen, die für eine dauerhaft stabile Demokratie unverzichtbar sind.  Unabhängig von ihrem Bildungsgrad und Informationsinteresse.

Es wäre an der Zeit, Nachrichtenredaktionen der Privatsender an diesem Punkt medienpolitisch stärker zu unterstützen. Auch sie stehen in wirtschaftlich angespannten Zeiten unter einem hohen finanziellen Druck. Umso bitterer, wenn sich Privatsender ihre Informationsfläche reduzieren – denn sie sind es, die die klassischen „Nachrichtenverweigerer“ noch erreichen. Was sinnvoll wäre? Ein „Belohnungssystem“ für Sender mit privaten Nachrichten. Und zwar so schnell wie möglich! 

Der Autor Jürgen Ohls ist Chefredakteur von RTL2. Der Text ist in ausführlicherer Fassung erschienen in: Hestermann, Thomas (Hrsg.): Von Lichtgestalten und Dunkelmännern. Wie die Medien über Gewalt berichten. Wiesbaden: Springer (2012).